H O G Schöndorf im Banat
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Kerweih 1965

Beitrag aus dem Schöndorfer Jahresheft 2015

Peter Steimer, Stuttgart                                       Fotos: Michael Schlett und Johann Holzinger

 

Die „Kerweih“ war das größte und schönste Fest des Jahres und wurde in Schöndorf am ersten Sonntag im Oktober gefeiert. Dies war auch im Jahr 1965 nicht anders und trotzdem war diesmal alles anders. Es war die erste Schön-dorfer Kerweih in Tracht nach dem Krieg.

Gruppenbild Kerweih 1965, Vortänzerpaar: Michael Schlett mit Anna Hartmann, Nachtänzerpaar: Johann Holzinger mit Katharina Hartmann

Oben v.l.n.r. Lorenz Meissenburg u. Magdalena Talpai, Lorenz Steimer u. Katharina Margert, Michael Klepp u. Anna Hoffmann, Stefan Andrasch u. Annemarie Andrasch, Magdalena Hayer u. Adam Gehl, Viktoria Lulay u. Anton Klug, Margaretha Poponea u. Johann Vuin, Anna Kilzer u. Anton Klein

Erste Reihe v.l.n.r. Johann Huck u. Johanna Seidel, Anton Suck u. Anna Maria Gross, Johann Holzinger u. Katharina Hartmann, Anna Hartmann u. Michael Schlett, Katharina Masni u. Gerhard Margert, Katharina Boschnak u. Gerhardt Bomans, Anna Klemens u. Michael Haibach

Mit Beginn der 60er Jahre hatte Rumänien eine Kehrtwende in seiner Politik eingeleitet, nämlich eine Abnabelung von der Sowjetunion, hin zu einer Öffnung Richtung Westen. Die Handelsbeziehungen mit der Bundesrepublik entwickelten sich stetig und man war um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen bemüht. Diese Entwicklung sollte der deutschen Minderheit zugutekommen. Die deutschsprachigen Zeitungen nutzten geschickt die Gunst der Stunde und begannen über Brauchtum, Mundart und regionale Kultur-veranstaltungen zu berichten. Kulturelle Vielfalt war angesagt. Die Leute vom ,,Neuen Weg” wurden zum Ansprechpartner, Förderer und Berichterstatter gleichzeitig, wenn es darum ging, sich für Belange der deutschen Bevölkerung einzusetzen.

Obwohl offiziell erst ab 1956 wieder erlaubt, wurde in Schöndorf bereits im Jahr 1948 die erste Kerweih nach dem Krieg gefeiert. In den darauf folgenden Jahren fanden die Feste in unregelmäßigen Abständen statt. Zum einen waren die geburtenarmen Jahrgänge der Kriegszeit verantwortlich, zum anderen war die „besondere Ehre“ des Vor- und Nachtänzerpaares mit erheblichen Kosten verbunden, deswegen nicht jedermanns Sache, und manchmal waren es Ver-bote der Behörden.

Im Mittelpunkt der Kerweih stand die Dorfjugend im Alter von 15 bis 19 Jah-ren, wobei Vor- und Nachtänzer aus den Reihen der 19-Jährigen kamen, den Burschen, die demnächst zur „Stellung“ mussten. Die Wahl ihrer „Kerweih-mensche“ war mehr oder weniger „Herzenssache“, oftmals schon die Braut. Für diese Burschen war es meist die letzte Kerweih, ein Jahr später waren sie bereits Soldaten.

Im Jahr 1965 hatte sich eine beachtliche Zahl von 15 Kerweihpaaren zusam-mengefunden, Vor- und Nachtänzer standen fest, aber diesmal hatte man sich etwas Besonders zum Ziel gesetzt, nämlich die erste Kerweih der Nach-kriegszeit in Schöndorfer Tracht. Die Kerweihjugend wusste nicht so richtig was auf sie zukommt, jedoch die Generation der Mütter und Großmütter stürzte sich voller Begeisterung in das Vorhaben. Die Festtagstracht der Mütter wurde hervorgeholt, gewaschen, gestärkt und gebügelt, die fehlenden oder unpassenden Teile nachgeschneidert oder ausgeliehen, die Verwandt-schaft und Nachbarinnen mit eingebunden. So gelang es problemlos, alle 15 Mädchen mit Tracht einzukleiden. Zur Tracht der Kerweihbuwe gehörten weiße Leinenhemden. Diese gab es nicht zu kaufen und wurden deswegen von einem Schneider angefertigt.

Die Initiative eine schwowische Kerweih zu organisieren ging vom damaligen „Kamindirektor“ und gleichzeitig Kulturbeauftragten, Josef Berg, aus. Er hatte diesen „Floh“ den Vortänzern Michael Schlett und Hans Holzinger ins Ohr gesetzt und Interesse entfacht. In einigen, wenn auch wenigen Banater Dörfern wurden solche Feste bereits zugelassen. Warum dann nicht auch in Schöndorf? Vor all dem anderen mussten die Ge-nehmigungen bei den Behörden eingeholt werden. Das rege Kul-turleben (Theatergruppe, Kultur-gruppe, Streichmusik und nicht zuletzt das Gesangduo Berg) wa-ren stichhaltige Argumente bei der Kreiskulturbehörde in Arad. Man war bekannt und das zählte. Die „Kerweih in Tracht“ wurde abgesegnet. Verstärkt wurde die „Schöndorfer Delegation“ durch den Arader Redakteur vom „Neuen Weg“, der bei allen Behördengängen dabei war. Es sollten noch weitere folgen, fünf mindestens, erinnert sich Michael Schlett. Die „Miliz“ (Polizei) war auch eine davon.

Eine Diskussion im Dorf entfachte sich wegen der Musik. Bei der Jugend war damals die „Streichmusik“ beliebter. Aber zu einer wirklich schwowischen Kerweih passt eben die „Blechmusich“. Der Einfluss der Alten hatte sich letztendlich durchgesetzt.

Dann war es endlich soweit. Am Sonntagmorgen versammelten sich die Kerweihpaare nach bekanntem Brauch beim Vortänzer. Nachdem man sich auf die Kerweih „eingestimmt“ hatte marschierten die 15 Paare in schönster schwowischer Tracht, unter den Klängen der bekannten Märsche, zur Kirche. Nach der Messe ging es anschließend zum Festakt im Rahmen des Ernte-dankfestes. Im Markplatz hatte die LPG eine Ausstellung mit Obst- und Gemüseständen aufgebaut sowie verschiedenes Getreide ausgestellt, alles aus Eigenproduktion. Die Teilnahme der Kerweihpaare sowie der Kirchenbe-sucher war als Auflage bereits bei der Genehmigung, eingefordert worden. Damit erhielt die Kerweih für die Behörden den offiziellen Anstrich eines staatlich organisierten Festes.

Danach gingen die Kerweihbuwe, begleitet von der Musik, ins Dorf einladen. Man traf sich am Nachmittag im Hause Hartmann. Es ist schon eine Selten-heit, wenn Vor- und Nachtänzerin ein Schwesterpaar sind, diesmal sogar Zwillingsschwestern. Anni war die Vortänzerin mit Michael Schlett und Kathi die Nachtänzerin mit Hans Holzinger. Von hier ging es wieder mit Marsch-musik in den Park, wo der Aufmarsch der Kerweihpaare, die Straußversteige-rung und schließlich Tanz für alle stattfand.

Es war zur Tradition geworden, dass man sich zur Kerweih Gäste von außer-halb einlud, Menschen, die man irgendwann mal getroffen hatte und mit denen man in Verbindung blieb. In diesem Jahr mussten es ganz viele gewesen sein, denn so voll hatte er das Schöndorfer „Markplatz“ noch nie gesehen, meint Michael Schlett: „’s hot vun Leit gwuwelt“.

Ganz glatt ist dann doch nicht alles abgelaufen. Am Kerweihmontag, auf dem Weg zur Kirche, wurde der Kerweihzug vom „Dorfmiliz“ (Dorfpolizisten) und dem Bürgermeister angehalten und „zum Kukrutzbreche“ geschickt. „Ich ließ mich aber nicht einschüchtern, erklärte den Obrigkeiten, wir hätten die Ge-nehmigung auch für diesen Tag bekommen, von Behörden, die mehr als sie beide zu sagen hätten. Sie könnten meine Aussagen ruhig überprüfen. Ich forderte die Musik auf zu spielen und marschierte an der Spitze des Kerweih-zuges los“. An diesen Vorfall erinnert sich der Vortänzer noch heute gerne und erzählt ihn nicht ganz ohne Stolz.

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